Dr. Hauschka

Rizinus

Synonyme: Wunderbaum, Christuspalme, Hundsbaum, Läusebaum, Römische Bohne
Wissenschaftlicher Name: Ricinus communis L.
Familie: Euphorbiaceae (Wolfsmilchgewächse)

Heimat

Vermutlich tropisches Afrika, Ägypten oder Indien

Inhaltsstoffe

Samen: fettes Öl, Eiweissstoffe, unter anderem das äusserst giftige Ricin
Rizinusöl: Ester der Rizinolsäure

Beschreibung

Strauch, einjähriges Kraut oder mehrjähriger Baum, rote oder grüne Blätter: Rizinus birgt viele Formen, in denen er sich je nach Standort sehr unterschiedlich ausgestaltet. An die 20 Varietäten sind bekannt, die sich in Form, Farbe und Grösse des Strauches und Bestachelung der Samenkapseln voneinander unterscheiden. Trotz der Gestaltvielfalt lässt sich Rizinus an den auffälligen grossen, sieben- bis elfzipfeligen, schildförmigen, dunkelgrün glänzenden Blättern sowie den lang gezogenen Blütenständen gut erkennen. Von August bis Oktober, je nach Aussaatzeit sogar bis März, brechen die unscheinbaren, grüngelben Blüten in Verbänden am Stängel entlang auf, wobei Geschlechtertrennung herrscht. Oben stehen nur weibliche Blüten, die man an den roten Stempeln in der Blütenmitte erkennt. Darunter entwickeln sich nur männliche Blüten, erkennbar an den gelben Staubblättern. In den glatten oder stacheligen Früchten reifen jeweils drei Samen mit schwarzbrauner Zeichnung, die an Bohnen erinnern, aber tödlich giftig sind! Das aus ihnen gewonnene Öl ist für den Menschen nicht nur unbedenklich, sondern arzneilich und kosmetisch äusserst nützlich.

Verwendung

Auch wenn die Samen tödlich giftig sind: Das aus ihnen gewonnene Rizinusöl ist frei von Eiweisssstoffen und deshalb ungiftig. Bis heute ist es ein wichtiges Abführmittel, das bei Verstopfung oder bei Wurmkuren eingesetzt wird. Seine Wirksamkeit erlangt es erst während des Verdauungsprozesses im Darm. Die dabei freigesetzte Rizinolsäure regt die Darmbewegung an und verursacht vermutlich über die Stimulation der Prostaglandinsynthese eine vermehrte Aufnahme von Wasser und Elektrolyten in den Darmraum. Das Stuhlvolumen vergrössert sich dadurch. In Kosmetik verarbeitet unterstützt Rizinusöl den Feuchtigkeitsgehalt der Haut und glättet. Dekorativer Kosmetik verleiht es eine geschmeidig machende Grundlage.

Wissenswertes

Die Samen des Rizinus erinnern in ihrem Aussehen an Zecken (lat. ricinus), die sich voll gesaugt haben. Von dieser Ähnlichkeit soll sich der Name Rizinus ableiten. Das lateinische Wort „communis“ bedeutet „gemein, gewöhnlich“. Der deutsche Name Christuspalme entstand aus einer falschen Übersetzung der Bezeichnung „palma Christi“, die übersetzt eigentlich Christushand heisst.

Der Bezug zu Christus stammt wahrscheinlich aus der Erwähnung von Rizinus im Buch Jona 4,6 bis 4,10. In dieser Episode spielt ein Rizinusbaum eine entscheidende Rolle im Erkenntnisprozess des Propheten Jonas. Den hatte Gott beauftragt, der sündigen Stadt Ninive (im heutigen Irak gelegen) eine Predigt zu halten. Jonas entzog sich jedoch der Aufgabe, indem er sich in Richtung Tarsis (vermutlich heutiges Spanien) einschiffte. Gott boykottierte Jonas Fluchtversuch durch einen heftigen Sturm, der das Schiff in Seenot geraten liess. Als die Seeleute durch ein Los erkannten, dass Jonas der Verursacher des Sturmes war, warfen sie ihn über Bord. Ein grosser Fisch verschlang den Ertrinkenden und spie ihn an Land wieder aus, wo Gott schon auf ihn wartete, um ihm erneut den Auftrag zu erteilen, in Ninive zu predigen. Diesmal fügte sich Jonas dem Wort Gottes und ging nach Ninive. Nach der Predigt, in der Jonas die baldige Zerstörung der Stadt prophezeite, taten

alle Bewohner Busse. Gott verschonte daraufhin die Stadt und vergab den Bewohnern ihre Sünden. Jonas war so ausser sich, dass Gott so schnell nachgab, dass er sterben wollte. Er richtete sich ausserhalb Ninives in einer Laubhütte ein und wartete wütend ab. Gott liess hinter der Hütte in einem Tag einen schattenspendenden Rizinusbaum wachsen, über den Jonas sich sogar freute. Umso empörter war er, als Gott am nächsten Morgen den Rizinusbaum durch einen Wurm wieder dahinraffen liess. Doch genau das war Gottes Gleichnis:

„Dich jammert die Staude, um die du dich nicht gemüht hast, hast sie auch nicht grossgezogen, die in einer Nacht ward und in einer Nacht verdarb; und mich sollte nicht jammern Ninive, eine so grosse Stadt, in der mehr als 120.000 Menschen sind, die nicht wissen, was rechts und links ist, dazu auch viele Tiere?“
(Jona 4,10f. nach der revidierten Luther-Übersetzung von 1984)

Bei dem Wurm handelt es sich übrigens vermutlich um Olepa schleini, einem in Israel beheimateten Nachtfalter aus der Familie der Bärenspinner. Seine Raupen ernähren sich ausschliesslich von Rizinusblättern, was sehr bemerkenswert ist, da Rizinusblätter insektizide Wirkung haben.

Kiki, so bezeichnete der griechische Geschichtsschreiber, Geograph und Völkerkundler Herodot (490/480 v. Chr. bis etwa 425 v. Chr.) Rizinus als eine aus Ägypten stammende Pflanze, die dort bereits um 1552 v. Chr. im ältesten erhaltenen medizinischen Text, dem Papyrus Ebers, genannt wurde. Die Samen fand man als Beigabe in ägyptischen Gräbern. Das Öl verwendeten die Ägypter als Abführmittel, Haarwuchsmittel und zur Behandlung von Geschwüren. Die vom griechischen Arzt Dioskurides (1. Jh. n. Chr.) genannte Liste von Erkrankungen, gegen die Rizinus helfen sollte, war noch um einiges länger. Grind, Krätze, Wundnarben, Ohrenschmerzen, Uterusleiden, Verstopfung und Würmer waren darin zu finden. Nach Mitteleuropa gelangte das Wissen um Rizinus erst im 16. Jahrhundert, wo es in den Kräuterbüchern als Abführ- und Wurmmittel Aufnahme fand.

Die Verwendung von Rizinus geht weit über den medizinischen und kosmetischen Bereich hinaus. Die Pressrückstände aus der Ölgewinnung sind nach Hitzeinaktivierung des giftigen Ricins ein guter organischer Dünger und ein nahrhaftes Tierfutter. Das Öl war zudem vor allem in Europa lange Zeit ein begehrtes Brennöl.

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